Nr. 194/2008

GRÖSSTES KOMMUNALES UNTERNEHMEN ÖSTERREICHS:
60 Jahre Wiener Stadtwerke
Wien funktioniert und ist lebenswert, wie auch internationale Studien beweisen. Die Wiener Stadtwerke schaffen mit Licht, Wärme und reibungslosem Öffi-Verkehr die Basis dafür. Die Anfänge des Infrastrukturdienstleisters waren gekennzeichnet vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.



Das „neue Licht“ unter Lueger

Die Wurzeln der Wiener Stadtwerke reichen bis in das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Damals lagen die Energieversorgung und der öffentliche Verkehr Wiens in den Händen privater Unternehmen. Profitstreben und Konkurrenzkampf führten zu unzumutbaren Zuständen. Verschiedene Tramwaygesellschaften und Pferdeomnibusunternehmen ließen den öffentlichen Verkehr unkoordiniert ablaufen. Auf dem Gassektor hatte die Monopolstellung der englischen „Imperial Continental Gas Association“ zu häufigen Gebrechen, mangelnder Leuchtkraft der Gaslampen und starken Druckschwankungen geführt. Massive Kritik gab es auch wegen überhöhter Preise und der sozialen Stellung der Bediensteten. Bei privaten Bestattungsunternehmen herrschte ein pietätloser Konkurrenzkampf, trotzdem gab es auch auf diesem Sektor hohe Preise.



Zentralfriedhof, 2. Tor, 1927

Kommunalisierung unter Lueger
Unter Bürgermeister Karl Lueger (Amtszeit 1897–1910) kam es zu einer grundlegenden Neuorientierung. Lueger erkannte die steigende Bedeutung einer funktionierenden Strom- und Gasversorgung sowie leistbarer öffentlicher Verkehrsmittel für eine Großstadt. Er war davon überzeugt, dass die Übernahme dieser Unternehmen in kommunalen Besitz für alle Bürgerinnen und Bürger eine notwendige und sinnvolle Lösung war.
Zwischen 1896, in diesem Jahr war Lueger noch Vizebürgermeister, und 1907 entstanden jene Betriebe, die heute in wesentlichen Teilen die Wiener Stadtwerke bilden. Damals kommunalisierte die Stadt Wien die „Wiener Städtische Gaswerke“ (1896), „Wiener Städtische Electrizitätswerke“ (1899), „Städtische Straßenbahnen“ (1902) und „Städtische Leichenbestattung“ (1907). Ziel war es, die Versorgungssicherheit zu garantieren, eine weitsichtige Stadtplanung zu ermöglichen und eine moderne und zukunftsfähige Infrastruktur zu errichten.



Kriegsschäden: Bahnhof Gürtel, 1945

Gemeinsam für raschen Wiederaufbau
Die städtischen Unternehmen standen nach Ende des Zweiten Weltkriegs im April 1945 vor einer zerstörten Infrastruktur. Die Elektrizitätswerke konnten keinen Strom liefern, der öffentliche Verkehr war ebenso zusammengebrochen wie die Gasversorgung. Auf den Friedhöfen sowie in den Spitälern und Straßen Wiens warteten mehr als 5.000 Leichen auf Abtransport und Beerdigung. Unter schwierigsten Bedingungen, katastrophalen Ernährungsverhältnissen, Mangel an Personal und Material, aber mit einem Übermaß an Idealismus und Opferbereitschaft bauten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Unternehmen ihre Betriebe wieder auf. Innerhalb weniger Monate wurden die Wienerinnen und Wiener mit Strom und Gas versorgt. Straßenbahnen und Autobusse fuhren wieder, und die Toten konnten würdig bestattet werden. In dieser Phase beschloss der Wiener Gemeinderat, eine gemeinsame Unternehmensführung für die Elektrizitätswerke, Gaswerke und Verkehrsbetriebe zu schaffen. Der Beschluss am 28. März 1946 war die Grundsteinlegung für die Wiener Stadtwerke. Eine enge Zusammenarbeit und eine einheitliche Geschäftsführung sollten eine höhere Wirtschaftlichkeit ermöglichen.



U-Bahn-Bauarbeiten Karlsplatz, 1974

Geburtstag der Wiener Stadtwerke
Die Gründung der Wiener Stadtwerke erfolgte drei Jahre später. Am 1. Jänner 1949 erfolgte mit Beschluss des Gemeinderats die Zusammenfassung der städtischen Unternehmen „Elektrizitätswerke“, „Gaswerke“ und „Verkehrsbetriebe“ unter einem Dach. Die Wiener Stadtwerke waren geboren. Am 1. Jänner 1953 wurde die „Städtische Bestattung“ als viertes Teilunternehmen in die Wiener Stadtwerke eingegliedert.



Rohrverlegungsarbeiten, 1963

Auf dem Weg zum modernen Dienstleister
Fast zehn Jahre lang standen die Wiener Stadtwerke ganz im Zeichen des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Es galt, zerstörte Strom- und Gasleitungen zu reparieren, Rohstoffengpässe zu überbrücken, ein völlig desolates Verkehrsnetz und auch das Bestattungswesen wieder aufzubauen. Mit dem starken Wirtschaftsaufschwung in den 1960er-Jahren stieg auch der Energiebedarf. Die Elektrizitätswerke errichteten vier Kraftwerksblöcke in Simmering, die Gaswerke begannen 1970 mit der Umstellung der Gasversorgung auf Erdgas. Die 1970er-Jahre waren geprägt von den Folgen der beiden Ölschocks und der damit verbundenen Rezession sowie der erhöhten Sensibilisierung der Bevölkerung in Umweltfragen. Zu den größten Projekten zählten die Inbetriebnahme der Kraftwerke Donaustadt und Leopoldau sowie der Neubau eines Kraftwerksblocks in Simmering. Die dabei angewandte Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bildet heute noch das Rückgrat der Wiener Fernwärme-Versorgung. Heute versorgt Wien Energie rund zwei Millionen Menschen, 230.000 Gewerbeanlagen, industrielle Anlagen und öffentliche Gebäude sowie 4.500 Landwirte nicht nur in Wien, sondern auch in Niederösterreich und im Burgenland mit Strom, Gas und Wärme.



Wahrzeichen Wiens: die Gasometer

Mehr Öffis für eine lebenswerte Stadt
Die Verkehrsbetriebe trugen dem Gesinnungswandel von der autogerechten zur menschengerechten Stadt Rechnung – mit der Erweiterung des Straßenbahn- und Autobusnetzes, der ständigen Modernisierung des Wagenparks und vor allem dem Ausbau der U-Bahn. 1969 begann dieses Jahrhundertprojekt mit Bauarbeiten an der Station Karlsplatz. Der erste Höhepunkt in der Geschichte der Wiener U-Bahn war die Eröffnung der ersten Neubaustrecke auf der U1 zwischen Reumannplatz und Karlsplatz am 25. Februar 1978. Heute verfügen die Wiener Linien über ein Streckennetz von fünf U-Bahn-Linien, 32 Straßenbahn- und 81 Autobuslinien auf einer Gesamtlänge von 961 Kilometer. Dieses Netz wird ständig ausgebaut. Die jüngste Verlängerung wurde im Mai 2008 abgeschlossen: auf der Linie U2 vom Schottenring bis zum Ernst-Happel-Stadion im Prater. 2007 beförderten die Wiener Linien rund 480 Millionen Fahrgäste auf fünf U-Bahn-Linien, mit Autobussen und Straßenbahnen sogar rund 793 Millionen – das sind rund zwei Millionen Fahrten täglich.



„Oldtimer“ vor Secession

Verlässlicher Partner für schwere Stunden
Die Bestattung Wien ist das größte Bestattungsunternehmen Österreichs und eines der größten Europas. Das Unternehmen hat seit seinem Bestehen 1907 rund zwei Millionen Beerdigungen und weltweite Überführungen organisiert – von Trauerfeiern im engsten Familienkreis bis hin zu großen Staatsbegräbnissen. Jährlich werden knapp 18.500 Bestattungsleistungen durchgeführt. Trotz der Liberalisierung des Bestattermarktes 2002 hält die Bestattung Wien einen Marktanteil von 95 Prozent. Um ihre Kundinnen und Kunden noch effizienter betreuen zu können, wurden per 1. Jänner 2008 die ehemaligen „Städtische Friedhöfe“ als Friedhöfe Wien GmbH in den Konzern der Wiener Stadtwerke eingegliedert.



Gasrohrüberprüfung heute

Neustart auf einem neuen Markt
In den 1990er-Jahren wurde auf europäischer Ebene die Öffnung der Energiemärkte diskutiert. Der Strommarkt wurde 2001 liberalisiert, der Gasmarkt 2002. Um auf die sich abzeichnenden veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen besser vorbereitet sein zu können, beschloss der Wiener Gemeinderat die Ausgliederung der Wiener Stadtwerke aus dem Magistrat der Stadt Wien. Die Wiener Stadtwerke Holding AG startete am
11. Juni 1999 als einer der größten Mischkonzerne Österreichs. Zum Konzern gehörten damals die Unternehmen Wienstrom, Wiengas (heute: Wien Energie Gasnetz), Wiener Linien, Bestattung Wien, Fernwärme Wien und Beteiligungsmanagement. Ein weiterer strategischer Schritt war 2000 die Gründung der EnergieAllianz Austria mit der EVN, um überregionale Synergien im Kerngeschäft Strom- und Gasvertrieb nutzen zu können. 2001 traten diesem Zusammenschluss auch die Unternehmen BEGAS und BEWAG bei.



Niederflur: „Ulf“ und Bus heute

15.500 arbeiten für funktionierendes Wien
Die Wiener Stadtwerke entwickelten sich seit der Ausgliederung vom Monopolisten zu einem kunden- und marktorientierten Infrastrukturdienstleister. Heute präsentieren sich die Wiener Stadtwerke mit ihren Unternehmen Wien Energie, Wiener Linien, Bestattung Wien, Beteiligungsmanagementgesellschaft BMG, einem Umsatz von rund 2,4 Mrd. Euro und rund 15.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als größtes kommunales Infrastrukturdienstleistungsunternehmen Österreichs. Alle Unternehmen im Wiener Stadtwerke-Konzern sind nach wie vor zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt Wien.



U2-Verlängerungsstrecke beim Stadion